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Fedra oder die Tragödie einer lächerlichen Familie
Drehbuch: Franck
Gazuit
Regie: Robert Cibis
Personen:
Pheadra
Hippolytus
Theseus
Oenone Nutrix
Nuntius
Terramenus
Aricia
Thanatogenos
Mann mit Narbe
Zwei Terroristenfreunde von Nuntius
Sekretärin
1. Sequenz (Innen/ Außen, Tag, Thanatogenos Bürogebäude/
Straße)
Eine junge Sekretärin geht einen Gang entlang und tritt in ein
Büro ein. Dort legt sie auf einem Tisch die Post ab.
Sekretärin:
"Hier die Briefe von heute, Herr Thanatogenos."
Thanatogenos telefoniert.
Die Sekretärin verläßt das Büro.
Dann tritt Thanatogenos aus seinem Büro. Er geht durch einen Flur,
die Angestellten grüßen ihn. Er nimmt den Aufzug und geht
auf die Straße vor das Gebäude der Thanatogenos-AG. Plötzlich
fassen ihn zwei Männer und ziehen ihn gewaltsam in ein Auto, welches
mit quietschenden Reifen davonrast.
2. Sequenz - Einblendung
des Filmtitels
"Phaedra oder die Tragödie einer lächerlichen Familie"
3. Sequenz - Fernsehreportage
Kommentierte Kriegsbilder.
Anschließend sagt der Nachrichtensprecher: "Der Inhaber und
Vorstandsvorsitzende des Konzerns FDE, Thanatogenos, ist heute nachmittag
am Ausgang des Hauptsitzes entführt worden. Die terroristische
Organisation, der Minotaurus, hat sich zu dieser Aktion bekannt. Lösegeld
wurde nicht verlangt."
4. Sequenz (Innen/
Außen, Tag, Villa)
Der Vorspann wird über die Sichtscheibe eines sich drehenden Wäschetrockners
eingeblendet. Musik: ein Walzer.
Phaedra geht aus
dem Badezimmer, während sie den Reißverschluß ihres
Rocks hochzieht.
Sie geht in das
Wohnzimmer, sammelt ein oder zwei volle Aschenbecher sowie einige Zeitschriften
ein und macht mechanisch den Fernsehapparat an, ohne die Bilder zu betrachten.
Im Kinderzimmer
(Stiefsohn auf einem Foto auf dem Schreibtisch sichtbar) sammelt sie
liebevoll und langsam die herumliegenden Klamotten ein und drückt
sie gegen ihre Brust: Sie seufzt und verläßt dann plötzlich
das Zimmer.
Sie entleert die
Waschmaschine und füllt sie daraufhin erneut. Kniend schaut sie
sich den sich drehenden Wäschetrockner an, während immernoch
die Nachrichten im Fernseher zu hören sind. Der Bericht handelt
von einen Fabrikstreik.
Genervt steht Phaedra
auf und schimpft:
"Diese Idioten! Das wird noch damit enden, daß die Fabrik
geschlossen werden muß! Theseus behandelt sie viel zu gut."
Sie wechselt energisch
den Kanal und geht wieder in die Küche, um den Abwasch zu machen.
Sie singt leise und unverständlich vor sich hin und spricht mit
sich selbst.
Dann schaut sie
aus dem Fenster: Sie betrachtet ihren Stiefsohn, Hippolytus, (den der
Zuschauer schon auf dem Foto gesehen hat), während er mit seinem
Freund Terramenus diskutiert.
Sie hat eine Flasche Spülmittel in der Hand und drückt sie
so, daß einige Seifenblasen in der Küche herumschweben.
Plötzlich eilt
sie zum Telefon, wählt und wartet ungeduldig auf eine Antwort.
Phaedra:
"Hallo? Oenone Nutrix?... Ja, hier ist Phaedra. Wir hatten uns
für 14 Uhr verabredet, aber ich bin schon fertig und da dachte
ich mir... Ach? Gut... Ich werde.. ich werde dann im Wartezimmer warten...
Ja, ja, ich weiß, daß ich mir Zeit nehmen kann aber ich
möchte lieber jetzt. Es muß sein."
Den Tränen
nahe legt sie den Hörer auf.
Sofort rennt sie in den Eingangsbereich des Hauses, zieht sich andere
Schuhe an, nimmt ihren Mantel und verläßt das Haus durch
den Garten, um die Garage zu erreichen.
Die beiden Jungen
im Garten grüßen sie höflich, wovon sie aber kaum Notiz
nimmt, sondern hastigen Schrittes weitereilt. Sie steigt in ihr Auto
und fährt davon.
5. Sequenz (Innen,
Tag, Wartezimmer)
Phaedra wartet auf einem Stuhl im Wartesaal. Ein Mann sitzt ihr gegenüber
und schaut sie an.
Mann mit Narbe:
"Sie...Sie kommen zum ersten Mal zu Oenone Nutrix?
Phaedra:
"Nein, nein."
Mann mit Narbe:
"Ach? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Ich bin hier wegen eines
Traumas. Ja, ja."
Phaedra:
"Ach?"
Mann mit Narbe:
"Meine Mutter"
Phaedra schaut ihn
an. Er hat eine Verbrennung, die sich über die Hälfte seines
Gesichts herzieht. Außerdem hat er eine leichte Narbe am Hals.
Mann mit Narbe:
"Sie wollte mich und meinem Bruder umbringen und..."
Er steht auf und
setzt sich an ihre Seite. Sie ist sprachlos.
Oenone Nutrix öffnet
die Tür des Wartezimmers und richtet sich an Phaedra.
Oenone Nutrix:
"Kommen Sie bitte!"
6. Sequenz (Außen, Tag, Garten)
Hippolytus und Terramenus unterhalten sich im Garten der Villa. Sie
sitzen auf einer Bank.
Terramenus:
"Du bist ja gestern so früh nach Hause gegangen."
Hippolytus:
"Du weißt genau, daß ich nicht bleiben konnte."
Terramenus:
"Sieh einer an! Großer Junge kann nicht mal woanders pennen."
Hippolytus:
"Ja, aber..."
Terramenus:
"Ja, ja, ich weiß, dein Vater! Ich hab' meine Alten verlassen,
sobald ich konnte."
Hippolytus:
"Bei mir ist das anders: Seit dem Tod meiner Mutter bin ich für
meinen Vater das Standbein der Familie."
Terramenus:
"Das Standbein der Familie! Paß auf, daß du dich nicht
in eine Statue verwandelst! Schau doch allein, wie wenig du das Leben
genießt! Du hinderst dich selbst zu leben, mein Alter!"
7. Sequenz (Innen,
Tag, Behandlungszimmer)
Phaedra ist ausgestreckt auf der Liege.
Phaedra, sehr aufgeregt:
"Dort vor meiner Spüle verließen mich alle Kräfte.
Der Boden schien unter mir zusammenzubrechen."
Oenone Nutrix:
"Beruhigen Sie sich!"
Phaedra:
"Aber alles lastet auf mir. Dieses Haus, dieses Leben, alles betrübt
mich und schadet mir. Ach, lieber würde ich sterben."
Oenone Nutrix:
"Wie erklären Sie sich das?"
Phaedra:
"Ich weiß nicht."
Oenone Nutrix:
"Überlegen Sie! Sie sind hier, um zu überlegen, wenn
ich Sie daran erinnern darf."
Phaedra, den Kopf zwischen den Händen:
"Ich suche ja...ich suche...aber nichts, eine große Leere...ein
hoffnungslos dunkler Raum und Schweigen, Schweigen...."
Währenddessen
zündet sich Oenone Nutrix eine Zigarette an.
Oenone Nutrix:
"Hmm..."
Sie pustet den Zigarettenqualm beiseite.
Oenone Nutrix:
"Wir haben das Thema der Sexualität noch nicht angesprochen...."
Phaedra, ohne zu
Zögern:
"Ja, ich war sexuell nie wirklich glücklich. Und außerdem
hat Theseus mit dem Alter ganz schön zugenommen, all dieses schlaffe
Fleisch...(sie ist angeekelt). Ich ertrage auch nicht seinen Tabakgeruch...seine
Zigarillos (Sie lacht.)...seine klitzekleinen Zigarillos (Sie lacht
noch, hört dann auf und wird plötzlich ernst)
8. Sequenz (Außen,
Tag, Garten)
Hippolytus und Terramenus unterhalten sich auf der Bank im Garten der
Villa.
Hippolytus:
"Papa hat große Probleme mit seiner Fabrik."
Terramenus:
"Ja und? Was kannst du denn daran ändern? Und deine Stiefmutter?
Unterstützt sie ihn nicht?"
Hippolytus:
"Doch, aber..."
9. Sequenz (Innen,
Tag, Behandlungszimmer)
Phaedra:
"...Ich bin jetzt überzeugt, daß er mich seines sozialen
Aufstiegs wegen geheiratet hat. Und jetzt wo er oben ist, nichts im
Bett! Ha! Hier der Nutzen seiner Frau: Er ist sogar soweit gegangen,
daß er der Presse anläßlich seiner Wahlkampagne erklärte,
daß seine Familie ein Beispiel für die Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit sei: 'Meine Gattin ist Hausfrau, sie nimmt keinem anderen
den Platz weg.' Welch ein Zeugnis von Menschlichkeit! Außerdem
hat er, um sich bei der kirchlichen Liga einzuschmeicheln, Antiopa geleugnet,
seine erste Frau. Er hält mich für seine alleinige und einzige
Ehefrau...aber nur vor Mikro und Kamera, denn in unserem Schlafzimmer...."
10. Sequenz (Außen, Tag, Garten)
Terramenus:
"Wenn ich daran denke, wie oft ich ausgehe und trotzdem keine finde!
Und Du - und ich kenne mehr als eine und nicht die übelsten, bei
denen du nur einmal mit dem Finger schnippen müßtest."
Hippolytus:
"Du spinnst doch! Das ist mir scheißegal!"
Terramenus:
"Aricia hat neulich nur von dir gesprochen."
Hippolytus:
"Tja, wenn sie die ganze Zeit mit dir spricht, ist sie wohl auch
an dir interessiert. Also halt dich ran! Sie wartet nur darauf. Ich
werde nur als Gesprächsthema vorgeschoben."
Terramenus:
"Ich? Mit Aricia? Sie interessiert mich nicht!
Hippolytus, neckisch:
"Aber sie ist doch das schönste Mädchen des Kurses! Was
machen wir bloß mit dir?"
Terramenus:
"Hör mal zu, ich mache mir eher um dich Sorgen."
11. Sequenz (Innen,
Tag, Behandlungszimmer)
Phaedra:
"Es gibt da einen Mann... jung... schön..."
Sie versteckt ihren
Kopf in ihren Händen.
Phaedra:
"Ach ich schäme mich so...man könnte sagen..."
Oenone Nutrix:
"Man könnte sagen?"
Phaedra:
"Hippolytus!"
Oenone Nutrix:
"Das haben Sie gesagt!
Phaedra:
"Mein Sohn, mein Sohn, ach."
Oenone Nutrix:
"Sie meinen den Sohn von Antiopa?
Phaedra:
"Ja...das stimmt, schließlich ist es nicht mein Sohn."
Oenone Nutrix:
"Gut, dann lassen Sie uns hier aufhören."
12. Sequenz (Außen,
Tag/ Abend, Straße/ Meer)
Phaedra geht geistesabwesend durch die Straßen.
In ihren Gedanken
erscheint Hippolytus, der nackt aus dem Meer tritt.
13. Sequenz (Innen/
Außen, Tag, Fabrik)
Theseus begrüßt in einem Flur einige Angestellte.
Ein Kamerateam filmt, wie der Firmenchef Theseus einigen "Treuen"
die Hand reicht.
Er verläßt
das Gebäude gefolgt von einigen Leibwächtern. Er steigt schnell
in ein Auto, welches ihn am Ausgang erwartet. Ein Leibwächter verhindert
noch gerade, daß Theseus von einer geworfenen Tomate getroffen
wird.
An der Ausfahrt
wird das Auto von Theseus von einigen bedrohlich wirkenden Streikenden
aufgehalten.
Die Streikenden
schreien:
"Theseus, du Schweinehund,
Minotaurus haut dir den Hintern wund!"
"Nein, nein,
nein!
Laß das Entlassen sein!"
Der Sicherheitsdienst
drängt die Streikenden beiseite, damit das Auto passieren kann.
In dem Gedränge geben sich die Arbeiter ein Objekt von Hand zu
Hand.
Einer der Arbeiter
überreicht es seinem Nachbarn Nuntius und sagt:
"Los! Nuntius! Wirf's!"
Nuntius schmeißt
also die Tränengazbombe und das Auto ist völlig von Nebel
umhüllt.
Nach kurzer völliger
Benebelung wird ein um die Windschutzscheibe gespanntes Tuch sichtbar:
"MINOTAURUS"
14. Sequenz (Außen,
Tag, Straße) Fernsehreportage
Interview mit Theseus, direkt nach diesem Attentat. Man hört noch
die Protestrufe und Polizeisirenen, was die Personen zwingt lauter zu
sprechen.
Theseus ist von Journalisten umgeben, und einige Sicherheitsleute versuchen
sie wegzustoßen.
Ein Journalist:
"Wird dieser Vorfall, dessen Opfer Sie gerade wurden, ihre Kandidatur
für die nächsten Wahlen in Frage stellen?"
Theseus:
"Hören Sie, ich bin nicht das einzige Opfer - in den letzten
Tagen - dieser...Organisation, die übrigens eher Industrielle als
Politiker angreift! Selbstverständlich wird mich soetwas nicht
von meinen Projekten abhalten und ich kann ihnen versichern, daß
kompetente Persönlichkeiten diese Angelegenheit behandeln werden,
um sie schnellstmöglich in Ordnung zu bringen."
Ein anderer Journalist:
"Aber fürchten Sie nicht um Ihr Leben oder das..."
Theseus unterbricht
ihn:
"Entschuldigen Sie, aber ich bin in Eile!"
Das Fernsehbild
erlischt.
15. Sequenz (Innen/Außen,
Tag, Villa/Garten)
Theseus, die Aktentasche noch in der Hand, hat gerade den Fernseher
ausgestellt.
Theseus:
"Ach nein! Nicht das schon wieder! Das reicht für heute!"
Dann geht er in
die Küche, sieht wie Phaedra auf dem Boden kniet und die Fliesen
schrubbt.
Theseus:
"Phaedra!"
Phaedra gibt sich
beschäftigt und bearbeitet heftig einen Fettfleck.
Theseus:
"Hast du mich nicht kommen hören?"
Er küßt
sie am Hals, sie scheint unberührt, erhebt sich und wäscht
den von Fett schwarzgefärbten Schwamm in der Spüle aus. Daraufhin
wringt sie ihn mit einer solchen Kraft aus, daß ihr Gesicht furchtbar
verzerrt wird.
Theseus:
"Hast du einen schönen Tag gehabt?"
Er zündet sich
einen Zigarillo an.
Sie zuckt die Achseln. Theseus hakt nicht nach und geht in das Wohnzimmer,
setzt sich in ein Sofa und gießt sich ein Glas Alkohol ein:
Theseus:
"Na gut! Streikst du jetzt auch? Würdest du dich trotzdem
herablassen, mit uns heute abend zu essen? Apropos, wo ist denn Hippolytus?"
Hippolytus und Terramenus
sind im Garten.
Theseus schreit:
"Hippolytus! Komm sofort herein!"
Hippolytus:
"Tja dann, Vater ist sehr schlecht drauf, besser nicht reizen."
Terramenus:
"Wie immer... Du kommst also morgen zu Aricia? Versprochen, häh!?"
Terramenus verläßt
den Garten, während Hippolytus auf die Villa zugeht.
Theseus schreit
im Hintergrund:
"Das ist hier schließlich kein Hotel!"
16. Sequenz (Außen,
Tag, Straße)
Terramenus auf dem Weg nach Hause. Er geht an einem vor Theseus' Haus
geparkten Auto vorbei: Drei Männer sind darin, unter ihnen Nuntius,
welcher die Villa fotografiert.
17. Sequenz (Innen,
Abend, Aricias Wohnung)
Aricia und Terramenus räumen das Zimmer auf, weil sie Hippolytus
Besuch erwarten.
Aricia:
"Glaubst du, daß er kommen wird?"
Terramenus:
"Mach Dir keine Sorgen! Er hat es mir versprochen."
Aricia:
"Das ist unglaublich, ich bin ein bißchen aufgeregt. Seh'
ich gut aus?"
Sie zeigt ihr Kleid.
Terramenus:
"Ja, ja."
Es klingelt.
Aricia:
"Terramenus, da ist er."
Terramenus:
"Los, mach' die Tür auf!"
Aricia schaut Terramenus
hilflos an.
Terramenus:
"O.K., laß uns zusammen gehen!"
Aricia öffnet
die Tür.
Hippolytus und eine andere Person, Nuntius, stehen auf dem Treppenabsatz.
Man sieht sie von hinten.
Hippolytus:
"N'Abend. Ich habe einen Freund mitgebracht: Er ist mit dem Auto.
Er kann mich zurück bringen."
Der Begleiter streicht
Hippolytus mit einer Hand sanft über den Po.
Aricia:
"Ach? Eh! Kommt herein!"
Hippolytus tritt
von dem Mann gefolgt ein.
18. Sequenz (Innen,
Nacht, Aricias Wohnung)
Aricia zerschlägt ein Glas. Sie sitzt neben Terramenus auf einem
Sofa.
Terramenus:
"Alles O.K.?"
Aricia:
"Das hätte ich nie von ihm gedacht: 'Ein Mann, den er auf
der Straße getroffen hat.'"
Terramenus:
"Ich fühle mich auch ein bißchen verarscht!
Aricia:
"Und die haben sich nicht versteckt."
Terramenus:
"Jedenfalls hatten sie es ganz schön eilig zu gehen!"
Aricia:
"Ja, wenigstens bist du noch da."
Terramenus:
"Tja, ich glaube, dann werde ich wohl auch nach Hause gehen."
Aricia:
"Nein, bleib noch!"
Sie legt ihre Hand
auf die von Terramenus.
Terramenus:
"Oh?!"
19. Sequenz (Innen,
Tag, Behandlungszimmer/ Labyrinth)
Pheadra liegt ausgestreckt auf der Couch von Oenone Nutrix.
Phaedra:
"Ich habe letzte Nacht geträumt, mein Mann würde sterben...
er schrie...sein Gesicht voller Blut..."
Man sieht Theseus
nackt in einem Labyrinth. Er schreit. Er sieht einen Faden auf der Erde
und findet mit seiner Hilfe einen Weg.
Phaedra (off):"Ich
sah ihn. Ich hätte ihm helfen können, aber..."
Im Labyrinth schneidet
Phaedra den Faden mit ihren Zähnen durch, nimmt das andere Ende
auf, sammelt den Faden ein und findet so nach draußen.
Theseus kommt zu
der Stelle, an der der Faden abgeschnitten ist. Er ist verloren.
Hippolytus erscheint
an der Seite von Phaedra am Ausgang des Labyrinths und sie gehen beide
Hand in Hand in einem paradiesischen Dekor.
Die Stimme von Oenone
Nutrix: "Gut. Lassen sie uns hier einhalten!"
Phaedra:
"Schon?"
20. Sequenz (Außen,
Tag, Straße)
Phaedra tritt aus der Praxis. Sie schlendert träumerisch die Straße
entlang.
Sie bummelt an einigen Läden vorbei.
Sie wird auf eine
Menschenansammlung vor einer Vitrine aufmerksam. Sie dringt in die Masse
ein, die fernsieht.
Die Schaulustigen:
"Oh Gottogottogottogott, was für 'ne Tragödie!"
"Die armen Leute!"
Phaedra dringt weiter
vor und sieht Bilder der Fabrik ihres Mannes und von Opfern eines Attentats.
Dann wird ein Foto von Theseus gezeigt.
Der Kommentator:
"...der Fabrikdirektor Theseus war sofort tot...zu diesem Attentat
hat sich MINOTAURUS bekannt, eine Organisation, die..."
Phaedra, bestürzt,
drängt sich hektisch aus der Menge heraus, und rennt den eben gegangenen
Weg zurück.
Sie geht am Praxisschild von Oenone Nutrix vorbei, steigt die Treppen
herauf, rennt durch das Wartezimmer und platzt in das Behandlungszimmer,
in dem der Mann mit der Narbe Gesicht auf der Couch liegt, und Oenone
Nutrix auf einem Stuhl sitzt.
Phaedra stottert
aufgeregt:
"The...Theseus ist tot. Ich bin befreit!"
Phaedra nähert
sich Nutrix. Sie wechseln einige unverständliche Worte, die vom
Monolog des Mannes mit Narbe im Vordergrund überdeckt werden.
Mann mit Narbe:
"...Tja als dann meine Mutter der Liebhaberin meines Vaters ein
Kleid geschenkt hat..."
22. Sequenz (Außen,
Tag/Abend, Straße/Meer)
Phaedra ist wieder draußen. Sie geht zu ihrem in der Nähe
geparkten Auto. Ein Strafmandat klemmt hinter ihrem Scheibenwischer,
welches sie, ohne es zu lesen, zerreißt.
Phaedra verspürt ein Gefühl zwischen Befreiung, Wunder und
Schrecken, während sie das Auto startet.
In ihren Gedanken
erscheint Hippolytus, der nackt aus dem Meer steigt.
23. Sequenz (Außen/
Innen, Abend, Villa)
Am Eingang der Villa verlassen Freunde das Haus von Phaedra und sprechen
der Witwe ihr Beileid aus.
Nuntius setzt Hippolytus vor dem Haus ab. Letztere ahnt noch nichts
vom Tod seines Vaters. Die im Eingangsbereich stehende Menschenmasse
tritt zurück und bildet eine Gasse, an dessen Ende Phaedra steht.
Diese Szene ähnelt einem Spießrutenlauf, denn die Leute des
Korridors "peitschen ihn mit Blicken". Hippolytus ist unfähig,
seine Neugier kundzutun. Seine Stiefmutter empfängt ihn wortlos
mit einem intensiven Blick. Die "Freunde" im Vordergrund merken,
daß sie stören und verschwinden schnell und leise. Im Hintergrund
küßt und umarmt Phaedra ihren Stiefsohn. Er hat verstanden,
daß sein Vater gestorben ist.
Phaedra:
"In meine Arme mein Sohn: Da sind wir nun alleine, wir beiden."
Hippolytus:
"Ich..."
Das Telefon schellt.
Phaedra fühlt sich offensichtlich vom Klingeln gestört, löst
sich schnell von Hippolytus und zieht den Telefonstecker aus der Dose.
Sofort schließt sie ihn wieder in ihre Arme.
Phaedra:
"Nein, sag nichts! Ich weiß, daß Theseus nicht sehr
gut zu dir war, er hat dich oft schlecht behandelt. Aber das ist ja
jetzt Vergangenheit. Jetzt, müssen wir uns besser kennenlernen."
Hippolytus sitzt im Sofa des Vaters. Phaedra hat sich ein Abendkleid
angezogen und ist dabei, ein sehr großzügiges Abendmahl anzurichten;
der Tisch ist phantastisch gedeckt, das Essen ästhetisch und beeindruckend.
Hippolytus scheint noch wie gelähmt von den sich zu schnell geänderten
Umständen und weiß noch nicht das Verhalten seiner Stiefmutter
zu beurteilen. Phaedra bringt eine Speise frisch aus dem Ofen zum Tisch
Phaedra:
"Letztendlich, bin ich ja nicht deine Mutter."
Während des Essens.
Phaedra:
"Ich fühle jeden Tag, wie ich älter werde und ich weiß
nichts von dir. Was erlebst du? Was machst du? Als dein Vater noch war,
hatte ich nicht die Zeit, mich damit zu beschäftigen."
Hippolytus:
"Wissen Sie, mein Leben ist nicht sehr interessant."
Phaedra:
"Aber ja! Du interessierst mich so sehr! Du bist so jung, du kennst
ja all die Dinge noch nicht...Ich bin davon überzeugt, daß
du noch nichts weißt von...der Liebe..."
Hippolytus:
"Der Liebe?"
Phaedra:
"Ach, Ich täusche mich nicht! Eigentlich bist du doch alt
genug, oder? Was denkst du?"
Hippolytus:
"Ich...ich muß...ich muß ihnen was sagen..."
Phaedra, geschmeichelt:
"Oh! Geständnisse!"
Hippolytus:
"Aber das ist so schwierig...zu sagen, so...ungestehbar."
Phaedra:
"Dann sag es nicht! Eine Frau kann einige Dinge erahnen..."
Hippolytus:
"Wirklich? Sie wissen?"
Sie nähert
sich ihm.
Phaedra:
"Mein Schatz! Ich träume von der selben Sache wie du."
Hippolytus:
"Wie ich?"
Phaedra:
"Ja! Küß mich!"
Sie umschlingt ihn.
Hippolytus:
"Aber..."
Phaedra leidenschaftlich:
"Heute Abend gibt es kein Hindernis mehr! Wir können endlich
unsere Liebe frei leben."
Sie umarmt ihn kräftig
und bedeckt ihn mit Küssen.
Hippolytus schreit:
"Phaedra!"
Hippolytus befreit
sich mit Gewalt.
24. Sequenz (Außen,
Nacht, Straße)
Hippolytus rennt mit verschreckter Mine auf die Straße.
Er rennt und rennt in die Nacht.
Das Auto von Nuntius folgt ihm mit Abstand.
25. Sequenz (Innen,
Abend, Villa)
Früh abends in der Villa von Phaedra.
Die Wohnung ist unaufgeräumt. Der Tisch ist voller ekeliger Reste
des Abendmahls. Es wurde nichts weggeräumt.
Phaedra wacht im Wohnzimmer auf. Betrübt, die Haare völlig
zerzaust, erhebt sie sich schwankend mit einer Flasche in der Hand.
Sie zieht die Schublade der Hausapotheke auf und nimmt ein oder zwei
Medikamente im Zufallsverfahren, die sie herunterschluckt.
Sie schmeißt verächtlich die leere Flasche weg, gießt
sich einen weiteren Drink in der Bar ein und schaut auf die Standuhr
(18 Uhr), dann schleppt sie sich auf allen vieren zum Telephon, um es
wieder anzuschließen.
Ihr fällt es aus Versehen auf den Boden, sie wirft sich daneben
und wählt schließlich eine Nummer.
Phaedra:
"Bin ich richtig bei Oenone Nutrix?... Phaedra. Ich habe den ganzen
Tag geschlafen. Ich konnte nicht kommen. Mir geht es sehr schlecht...
Ich bin alleine. Verlassen... Aber nein, nicht mein Mann ist der Grund.
Hippolytus. Ja... Jetzt habe ich nichts mehr... Morgen? Ja, gerne. Ich
werde vorbeikommen, aber... nein ich mache keine Dummheiten."
Es klingelt.
"Warten sie!
Es hat geklingelt. Das ist er, Hippolytus ist zurückgekommen. Ich
lasse Sie dann. Aufwiedersehen!"
Plötzlich aus
allen Wolken gefallen richtet Phaedra ihre Haare wieder und versucht
schnell, etwas aufzuräumen.
Dann atmet sie einmal
kräftig durch, um sich zu beruhigen und öffnet die Tür:
Aber dort steht Theseus.
Phaedra ist völlig baff, ihr Mund steht offen. Theseus wirft sich
in ihre Arme.
Theseus:
"Phaedra! Ich lebe! Nur du und die Polizei wissen das! Die Medien
sollten nichts davon wissen. Das ist eine Strategie. Aber ich mußte
dich einfach informieren. Hast du das Telefon abgestellt?"
Phaedra beginnt
zu schluchzen und zu weinen.
Theseus:
"Aber weine doch nicht! Nimm dich zusammen! Das ist der Schock.
Das ist jetzt vorbei."
Phaedra:
"Hip...Hip..."
Theseus:
"Alles ist gut: Ich bin heil und gesund, ich habe nur einen kleinen
Kratzer, da, siehst du?"
Phaedra:
"Hippolytus!"
Theseus:
"Was ist los mit dir? Was Hippolytus?"
Phaedra:
"Hippolytus?"
Theseus:
"Ja und? Was ist mit ihm?"
Phaedra:
"Hippolytus wollte mich...mich, verstehst du, es ist schwierig
zu sagen. Hilf mir!"
Theseus:
"Ich verstehe nicht."
Phaedra:
"Schau hier!"
Sie zeigt auf eine
zerrissene Stelle ihres Kleides.
Theseus:
"Mein Gott! Willst du sagen, daß er dich vergewaltigen wollte?"
Sie senkt den Kopf.
Theseus, plötzlich
lyrisch und lächerlich:
"Mein Sohn! Mein Sohn hat mich verraten! Verkommene Natur, verdorben
durch dieses Jahrhundert! Verlorene Generation! Ihr verführt eure
Mütter und tötet eure Väter! Mein Sohn, mein verfaulter
Lebenssaft!
Inzwischen ist Hippolytus
angekommen. Er steht in dem noch offenen Türrahmen. Auch er sieht
sehr niedergeschlagen aus.
Hippolytus:
"Papa?"
Phaedra:
"Hippolytus!"
Theseus:
"Da bist du ja, Monster welches mich getötet hat, Verräter
verdorbenen Blutes! Mein Sohn, warum hast du mich verlassen?"
Theseus wirft sich
auf Hippolytus, um ihn zu erwürgen.
Pheadra kann das nicht mit ansehen. Sie hält ihre Schreie zurück.
Phaedra:
"Nein, ich liebe ihn! Ich habe ihn verführt!"
Dann Phaedra mit
lauter Stimme:
"NEIN! Theseus! Laß ihn! Ich liebe ihn! Ich wollte ihn verführen!"
Theseus:
"Was?"
Phaedra weint.
26. Sequenz (Außen,
Abend, Straße)
Hippolytus läuft voll Schrecken auf die Straße.
Das Auto von Nuntius folgt ihm.
27. Sequenz (Außen/
Innen, Abend, Straße/ Aricias Wohnung)
Hippolytus rennt und rennt. Die Sonne ist gerade untergegangen.
Völlig außer Atem hält er an, um von einer Telefonzelle
aus Terramenus zu erreichen.
Bei Terramenus klingelt
das Telefon, aber niemand nimmt ab: Terramenus und Aricia sind "beschäftigt".
Hippolytus legt
wütend und enttäuscht auf und geht aus der Zelle. Im Hintergrund
steigt Nuntius aus seinem geparkten Auto. Hippolytus setzt sich auf
eine Bank und starrt auf den Boden.
Er hebt den Kopf und lächelt.
Nuntius reicht ihm die Hand. Hippolytus erhebt sich mit seiner Hilfe
und geht mit Nuntius.
28. Sequenz (Außen,
Abend, Baustelle)
Sie kommen auf eine große Baustelle. Vor einem großen Kran
halten sie und schauen sich an.
Eine "religiöse" Szene: Hippolytus wirft sich in die
Arme von Nuntius. Er küßt ihn auf den Mund und dann den ganzen
Körper wie ein verehrtes heiliges Idol.
Als Hippolytus niedergekniet vor Nuntius ist, haut letzterer Hippolytus
ein Messer in den Rücken.
Hippolytus liegt verlassen auf dem Platz. Über der Leiche ist eine
Flagge mit der Inschrift: MINOTAURUS.
29. Sequenz (Außen,
Tag, Baustelle)
Menschengetummel: Die Leiche wurde gefunden. Journalisten, Krankenwagen
und Schaulustige sind versammelt. Die Notdiensthelfer transportieren
den Körper von Hippolytus. Theseus muß die Leiche für
die Polizei identifizieren. An seiner Seite sind Terramenus, Aricia
und Photographen.
Theseus drängt sich durch den Masse von Reportern und erreicht
sein Auto, wo ihn Phaedra mit Sonnenbrille erwartet. Der Chauffeur fährt
ab.
30. Sequenz (Innen,
Tag, Behandlungszimmer)
Phaedra liegt mit Sonnenbrille auf der Liege im Behandlungszimmer von
Oenone Nutrix. Niemand spricht.
Dann versucht Phaedra Wörter mit ihren Lippen zu formen. Aber es
entsteht kein Laut. Nach einem ungeheuerlichen Bemühen gibt sie
endlich einen erstickten Schmerzensschrei von sich:
Phaedra:
Es ist vorbei...
Mit diesen Worten
erhebt sie sich und flüchtet.
31. Sequenz (Innen, Tag, Villa)
Phaedra kehrt in das eheliche Heim zurück. Sie ist offensichtlich
durch die vorhergehende Szene völlig entkräftet. Sie schlägt
erschöpft die Tür zu, nimmt ihre Sonnenbrille ab und gibt
so die durch Tränen rot angeschwollenen Augen frei.
Man hört das Fernsehen im Wohnzimmer. Die Nachrichtensendung kommentiert
die letzten Ereignisse in der Theseus-Affaire.
Der Nachrichtensprecher (off): ”...einer aktuellen Umfrage zufolge
beabsichtigen jetzt erheblich weniger Wähler für Theseus’
Partei zu stimmen. Dies ist offensichtlich die Folge der Ermordung des
Sohnes von Theseus, zu der sich der Minotaurus bekannt hat. Es scheint
klar zu sein, daß die Wähler keine Partei unterstützen
möchten, dessen Umgebung ernsthaft tötlich bedroht ist. Dies
ist schon die fünfte Aktion dieser terroristischen Organisation:
Denken wir nur an die Attentate gegen Thanatogenos und Theseus im letzten
Monat...”
Theseus sitzt in
seinem Sofa vor dem Fernsehgerät ohne zu reagieren. Er hörte
seine Frau heimkehren, aber tut so als merkte er es nicht.
Phaedra bleibt hinter dem Sofa stehen, ohne zu wagen sich ihrem Mann
zu nähern.
Phaedra:
"N’abend...Möchtest du...ein Glas?"
Theseus, der den
Kanal wechselt:
"Danke, ich bediene mich!"
Gegenüber dieser
eiskalten Antwort fühlt Phaedra sich unfähig. Sie weiß
nicht, was sie mit ihren Händen tuen soll. Sie versucht, zu sprechen,
sucht Worte, gestikuliert, ohne daß es Theseus sehen kann.
Phaedra:
"Ich..."
Theseus, gleichgültig:
"Ja, wenn du willst."
Phaedra blinzelt
und geht schwankend in die Küche.
Dort dreht sich
die Waschmaschine im Schleudergang.
Sie schaut ihren
Raum an, ihre Spüle, ihren Kochplatz...das Gehege einer Frau.
Dann schließt sie die Küchentür, holt alte Zeitungen,
verstopft die Lüftungsanlagen und öffnet das Gas.
Sie legt ihren Kopf
in den Ofen und wartet auf den Tod.
Theseus, der immer
noch im Sofa sitzt, nimmt einen Zigarello und stellt fest, daß
sein Feuerzeug nicht funktioniert.
Theseus hebt seinen
Kopf und fragt:
"Phaedra? Hättest du mal Feuer?"
32. Sequenz (Archivbilder)
Explosionen, Bombenattentate, Alarmsirenen: MINOTAURUS setzt seine zerstörerische
Tätigkeit fort.
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