Globalisierung
und Vielfalt oder: Hollywood gegen den Rest der Welt?
von Peter Sehr
Während
des vergangenen Jahrzehnts hat sich weltweit eine industrielle Entwicklung
beschleunigt, die unter dem Begriff "Globalisierung" ins öffentliche
Bewusstsein gerückt ist. In der Diskussion um die Globalisierung
stehen sich zwei Fraktionen gegenüber. Die erste glaubt, der Wohlstand
aller auf diesem Globus, gleich ob aus der ersten oder dritten Welt,
würde durch eine global agierende Industrie steigen, einer Industrie,
die weder nationale noch kulturelle Grenzen kennt, die sich in ihren
Strategien weitgehend abgekoppelt hat von Staaten und deren Regierungen.
Die andere
Fraktion hingegen sieht eine Entwicklung auf uns zukommen, in der das
Eigene, das Unterscheidbare zugunsten von weltweit genormten Produkten
verschwinden wird. Vielfalt, sei es im Bereich der Produkte oder in
dem der Kultur, scheint auf dem Weg zur Globalisierung eher als Stolperstein
denn als Reichtum und Herausforderung verstanden zu werden. Betrachtet
man die Globalisierung aus dieser Perspektive, so kann sie leicht als
ein allumfassender Angriff auf kulturelle Identität und nationale
Industrien verstanden werden.
Nun gibt es
ein Produkt, das sich sowohl dem industriellen, als auch dem kulturellen
Bereich zuordnen lässt: der Film. Seine Herstellung erfolgt durchaus
industriell, sein Verkauf unterliegt den Gesetzen des Marktes, sein
Inhalt hingegen ist kulturell verwurzelt und nutzt die verschiedenen
Künste zu seiner Darstellung. Im Film spiegelt eine Gesellschaft
sich wider, reflektiert ihre Visionen und Träume, aber auch Ängste
und Widersprüche. Nach dieser Definition ist Film an bestimmte
Regionen und Länder gebunden, und nährt sich aus diesen, was
seine Inhalte und Darstellungsformen betrifft.
Gleichzeitig
kann das Medium Film aber auch den Blick über die nationalen und
kulturellen Grenzen hinweg öffnen, wenn in unseren heimischen Kinos
auch Filme aus anderen Regionen dieser Welt zu sehen sind.
Bis in die
60er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Filmmärkte in
den meisten Ländern der westlichen Welt aufgeteilt zwischen einer
starken bis dominierenden nationalen Produktion, Hollywood-Produkten
sowie Filmen aus Drittländern. Diese Aufteilung der Märkte
änderte sich in den 70er und 80er Jahren radikal zugunsten Hollywoods.
Heute
sehen wir uns mit einer Situation konfrontiert, in der Hollywood
weltweit die Märkte dominiert (mit Ausnahme Indiens und einiger
arabischer Länder). Ganze nationale Filmindustrien haben dieser
Entwicklung nichts entgegen setzen können und sind verschwunden.
Andere Industrien, vorwiegend in Westeuropa, konnten nur durch massive
staatliche Unterstützung überleben.
"Hollywood" als Sammelbegriff einer Industrie, die sich aus
wenigen Konglomeraten zusammen setzt, den sogenannten Studios, hat es
verstanden, "Film" zu einem Produkt zu entwickeln, das sich
weltweit vermarkten lässt. Basis dieser Vermarktung ist die Vereinheitlichung
der Erzählweise, die Normierung des Aussehens, das Starsystem.
Auf dem Weg zu einer global agierenden Filmindustrie bleibt jedoch eines
auf der Strecke: die Vielfalt. Die Vielfalt der Sprachen, der Orte,
der Geschichten, der Sitten, der Traditionen und, wie gesagt, der Träume
und Visionen. So fördert diese Art von Film nicht das Wissen, das
Verständnis und den Respekt vor anderen Kulturen und Völkern,
zeigt nicht die Vielfalt auf diesem Globus, sondern er ignoriert den
Rest der Welt und betrachtet nur sich selbst.
Das Studiosystem Hollywoods führt aber nicht nur zu einer Standardisierung
des Mediums Film weltweit und zu einer Verödung der Filmlandschaft
außerhalb der Vereinigten Staaten, sondern hatte den gleichen
Effekt auch innerhalb der USA. Die Konzentration der wirtschaftlichen
Macht in den Händen Hollywoods
ließ kaum noch Raum für die Herstellung von Filmen außerhalb
des Studiosystems.
In
dieser Situation gründete Robert Redford 1981 das Sundance
Institute in Utah und scharte eine Gruppe unerschrockener Mitstreiter
um sich. Das Institut machte es sich zur Aufgabe, Filmschaffenden außerhalb
des Studiosystems eine Plattform zu bieten, auf der sie ihre Projekte
entwickeln und darstellen konnten. Es wendete sich an die "Independent
World of Filmmaking", an die Autoren, Regisseure und Produzenten,
die unabhängig vom Studiosystem agieren und die für die Vielfalt
des Mediums Film einstehen.
Das Sundance
Institute arbeitet ganzjährig. Aus ihm ist auch das Sundance
Film Festival hervorgegangen, das in jedem Januar "unabhängig"
produzierte Filme aus den USA vorstellt, gleichzeitig aber auch ein
internationales Programm enthält, das den Austausch von Ideen und
Ausdrucksformen mit anderen Filmnationen fördern soll.
Das Sundance
Film Festival ist heute zum wichtigsten Festival weltweit für
den unabhängig produzierten Film geworden. "Sundance"
wurde zum Synonym für die Freiheit des Ausdrucks im filmischen
Bereich. Paradoxerweise wird es in einem Land, das von Hollywood
filmisch dominiert wird, heute als das wichtigste nationale Filmfestival
betrachtet.
Robert Redford ist der Vater der "Sundance Idee", aber Architekt
und Organisator des Instiutes und Festivals ist Geoffrey Gilmore, der
seit Beginn den beiden Institutionen vorsteht.
Betrachtet
man die Entwicklung des europäischen Kinos und die des unabhängigen
Kinos in den Vereinigten Staaten, so lassen sich viele Parallelen erkennen.
Beide stehen für eine Vielfalt von Themen und Ausdrucksformen,
beide sind heute in ihrer Existenz durch die Dominanz Hollywoods
bedroht. Die Situation in den USA stellt sich jedoch noch weit dramatischer
dar, da den dortigen Produzenten, im Gegensatz zu Europa, keine öffentlichen
Subventionen zur Verfügung stehen.
Aus dieser
Erkenntnis heraus ist die unabhängige Filmproduktion in den USA
der natürliche Partner der europäischen Filmindustrie, wie
auch der Filmindustrie weltweit. Nur durch eine intensivere Zusammenarbeit
kann es gelingen, die Vielfalt des Filmes vor dem Verschwinden zu bewahren.
Die
Ausgangsidee der deutsch-französischen
Masterclass ähnelt der von Robert Redford. Auch hier soll eine
Plattform geschaffen werden, die eine intensivere Zusammenarbeit zwischen
den beiden Filmnationen und einen besseren Austausch ihrer Filme fördert.
Und dies immer unter dem Gesichtspunkt des Respektes für das Filmschaffen
des anderen.
Wenn wir einerseits
das Sundance
Institute als den Protagonisten der unabhängigen amerikanischen
Filmindustrie betrachten, und Geoffrey Gilmore als seinen Repräsentanten,
anderseits die Deutsch-Französische
Filmakademie/Masterclass als eine der ersten Filminstitutionen,
die europäisch denkt und ausbildet, dann liegt es auf der Hand,
dass wir langfristig eine Zusammenarbeit zwischen beiden Institutionen
entwickeln möchten.
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