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Die Modernisierung weiblicher Lebenslagen
von Birgit
Geissler / Mechtild Oechsle
Die jüngste Untersuchung zu Zukunftsvorstellungen und Orientierungen
der jungen Generation stellt eine weitgehende Angleichung bei jungen
Frauen und Männern fest. Typisch weibliche und typisch männliche
Lebensmuster scheint es danach nicht mehr zu geben, dagegen scheinen
die Unterschiede innerhalb der Geschlechter beträchtlich. Familienorientierung,
Berufsorientierung, Suche nach Partnerschaftlichkeit: in allen diesen
Feldern seien die Übereinstimmungen zwischen den Geschlechtern
groß. Wie passt dieses Ergebnis der 13. Shell-Jugendstudie
"Jugend 2000" zu den im Alltag erfahrenen und statistisch
belegbaren Unterschieden in den Lebensweisen und Lebenschancen von Frauen
und Männern? Diese Unterschiede geben weiterhin Anlass, Frauen
in vielen Lebensbereichen als benachteiligt anzusehen.
Wir wollen die Alltagserfahrung nicht bestreiten. Dennoch scheint uns
die Selbstverständlichkeit, mit der junge Frauen und Männer
die Geschlechterdifferenz für wenig relevant erklären, die
wichtigere - interessantere - Botschaft zu sein gegenüber der Perspektive,
die die Ungleichheit betont. Junge Frauen heute nehmen an, im Rahmen
ihres sozialen Kontextes Handlungsfreiheit zu haben, nicht an überkommene
Rollen gebunden zu sein. Diese Freiheit scheint ihnen durch die kulturelle
Liberalisierung und Ent-Naturalisierung des Geschlechts verbürgt;
damit ist gemeint, dass Weiblichkeit und Männlichkeit nicht mehr
als - nicht hinterfragbare - Naturkategorien, sondern als soziale Konstruktionen
thematisiert werden. Aus der Natur abgeleitete Vorgaben, wie Frauen
und Männer zu leben haben, gelten nicht mehr, sind jedenfalls für
die junge Generation nicht handlungsleitend. Dies ist ein sehr weitreichender
gesellschaftlicher Umbruch der letzten 30 Jahre, der auch dazu geführt
hat, dass in allen sozialen Schichten das Selbstverständnis junger
Frauen vom Gleichheitsanspruch geprägt ist.
Der
Gleichheitsanspruch und die Ähnlichkeit der Lebenslagen von jungen
Frauen und Männern verweisen auf die Modernisierung des Geschlechterverhältnisses.
In ihren Präferenzen des alltäglichen Handelns, in sozialen
Orientierungen, kulturellen Ausdrucksweisen und Lebensformen kommen
die institutionellen und kulturellen Veränderungen der letzten
20 bis 30 Jahre zum Ausdruck, die auch die Lebensweisen und Handlungsspielräume
der Geschlechter betreffen. Während empirische Studien der achtziger/neunziger
Jahre einzelne Aspekte des sozialen Wandels (Wohlstandssteigerung, Bildungsexpansion,
Erwerbsbeteiligung von Frauen, kulturelle und sexuelle Liberalisierung,
Wandel der Lebensentwürfe) belegen, scheinen nun die Modernisierungsprozesse
in all diesen Bereichen zusammenzukommen und in den Lebenszielen Jugendlicher
sichtbar zu werden. Offenbar "brauchten" diese Prozesse diese
lange Zeit, um Wirkung zu entfalten. Wie jeder soziale Wandel kann sich
auch die Modernisierung im Verhältnis der Geschlechter schwer gegen
verfestigte Zustände durchsetzen. Sie entfaltet gesellschaftsprägende
Kraft erst im Generationenwechsel.
Bundeszentrale
für politische Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 31-32/2000)
Quelle: bpb.de/publikationen/3H0XZ
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