| Liebe
Armgard, lieber Max,
Es
ist schon komisch einen Brief an Euch zu schreiben, mit dem Gefühl,
daß ich jetzt gleichzeig auch arbeite. Wie ihr ja beide
wißt (?) habe ich das letzte Jahr an der Filmakademie vor
mir. In diesem Jahr werde ich meinen Diplomfilm machen.
Lange
habe ich überlegt, was ich mit dieser Chance mich frei für
einen Film entscheiden zu können, anfangen soll. Es ist ein
persönliches Thema geworden: "Welche Rolle spielt Erotik/Liebe/Sexualität
im Leben meiner Freunde?"
Ich
dachte da an Euch beide: Wir waren lange Zeit zu Dritt befreundet
und hatten alle keine "festen Beziehungen", was in unserem
Umfeld eher ungewöhnlich war. Ich glaube, dass wir schon
allein deswegen, die Chance hatten eine eigene Sicht auf diese
Themen zu entwickeln. Diese Position ist unser Kapital.
In
diesem Brief möchte ich Euch fragen, ob ihr Interesse habt
mitzumachen. Ich möchte, dass Ihr wirklich für Euch
eine Entscheidung trefft, da ich denke so etwas wie „naja
Lili zuliebe“ wäre keine so gute Vorraussetzung. Ich
würde mich natürlich freuen, wenn Ihr genauso Interesse
wie ich hättet, dass ich eine Absage aber voll und ganz akzeptiere
muss wohl nicht erst erwähnt werden, ich erwähne es
hiermit aber trotzdem nochmal.
Um Euch diese Entscheidung möglich zu machen, werde ich versuchen,
ehrlich über meine Vorstellungen/Ängste und Hoffnungen
zu schreiben, die dieses Projekt betreffen. Es ist noch nicht
sehr konkret, da es die Anfangsphase ist, das Thema ist klarer
als die Form des Films.
Meine
größte Angst vorweg: die Angst unsere Freundschaft
zu gefährden, da unser Verhältnis durch die Arbeit an
diesem Film sicher verändert wird. Ich bin bereit dieses
Risiko einzugehen, da Freundschaft für mich kein Zustand
sein kann. Eine Chance ist es, unsere Position genauer und deutlicher
zu erkennen, uns selbst näher zu kommen. Dies setzt das Vertrauen
voraus damit umgehen zu können. Immer wieder die Frage: "Möchte
ich mich in einem Film mit Privatem beschäftigen?" |
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a
Ich glaube, dass mir die Arbeit an einem Film erleichtern kann,
eigene Grenzen zu überschreiten. So ging es mir zum Beispiel
in einer Dokumentarfilmübung aus dem ersten Studienjahr.
Ich zeichnete ein Gespräch zwischen Anja Gehri und mir auf.
Die Anwesenheit der Kamera erleichterte es mir, ihr Fragen zu
stellen, die ich ihr vorher noch nie gestellt hatte.
Ich denke eine Vorrausetzung für den Film ist der Mut sich
zu öffnen. Jeder mag sich überlegen, ob und was er/sie
davon profitieren könnte.
Jetzt
mal konkret: Facts, Zeitaufwand...:
Ich denke mal dass ich jedem von Euch so ca einen Monat mit der
Kamera auf die Pelle rücken würde, wahrscheinlich ich
und ein Kameramann/Kamerafrau. Ihr würdet eurer Leben „normal“
weiterleben und ich wäre mit der Kamera dabei. Natürliche
verändert sich dieses „normale“ Leben durch die
Präsenz der Kamera und die dadurch ausgelöste Reflektion.
Bestimmte Situationen würden wir nur der Kamera zuliebe erzeugen.
Dann könnte ich mir vorstellen noch ein Zusammentreffen von
Euch beiden zu arrangieren.....
Eine Idee wäre z.B. als Kontrast mit Euch so eine typische
Liebesszene aus einem kommerziellen Film zu stellen, mit den typischen
Klischee - Kameraeinstellungen. Ein bisschen Vorbildfunktion hat
für mich der Film „Komm in den Garten“, 1990
entstanden, von Heinz Brinkmann und Jürgen Wisotzky. Er handelt
von 3 Freunden in der ehemaligen DDR und besitzt folgende Form:
„Dem Voyeurismus ausweichend, bieten die Autoren den Porträtierten
Situationen an, in die hinein sie sich spielerisch erfinden können.
Alfred, Dieter und Michael erzählen aus ihrem Leben, bekochen
einander, weinen und spielen zuweilen mit im Film über sich
selbst.“ Heinz Brinkmann: "Der Film versucht zu erklären,
warum die drei befreundet sind.“
Ich
freue mich auf Eure Antwort oder Fragen, hoffe einigermaßen
verständlich gewesen zu sein, bis dann...
Lilian |