WELTBÖSE - EINE
KURZGESCHICHTE NACH "ROTKÄPPCHEN UND DER WOLF“
von
Lilian Franck, 27.6.92
Der rote
Fleck dort hinten, was ist das? Zu rot, dass heißt zu warm für Pflanzen.
Außerdem beweglich. Immer diese Störungen. Dabei ist der Zaun des
Forschungsgebietes doch sicher. Abgesichert gegen Abwechslung von außen.
Denn gesehen hast du genug. Nur gesehen. Das reicht.
Widerwillig betätigst du das Zoom der Thermokamera. Das Rot kommt geballt
auf dich zu. Himbeerig, erdbeerig, ach nein, die Natur bringt diese Farbe gar
nicht hervor. Nur in Form von Wärme, Hitze, die von der Thermokamera in
Farben umgewandelt wird. Ah, jetzt sind die Umrisse des Störfaktors erkennbar.
Zwei Menschen? Zwei Tiere?
Als ob du nicht schon genug gesehen hättest. Die Welt lässt Dich nicht
allein. Und die Welt ist böse, alle Geschichten werden immer wieder gleich
erzählt. Du kennst sie, denn du bist der Zuschauer, weil du es schon immer
warst. Der Beobachter von Angriffen auf dich und andere Leute, bösweltige
Angriffe, du kriegst sie mit, weltböse. Sie machen dir nichts aus, abgeschottet
bist du ja, aber du willst sie auch nicht mehr sehen.
Deswegen der Job hier. Zwar beobachten, das hast du ja gelernt, aber legal beobachten,
beobachten von Nicht-Geschehen, du bist der Skandale ja überdrüssig.
Beobachten von Farben, Bildschirmen, Wald, ohne bitteren Beigeschmack. Die anderen
mögen denken für die Forschung, aber du tust es für dich. Würdest
es auch tun, wenn es sinnlos wäre, da alles sinnlos ist. Um nicht zurück
angreifen zu müssen, gleich den anderen. Denn die Welt ist böse, sie
zwingt dich trotz deiner so perfekten Lösung nochmal hinzugehen, wieder
anzuschauen, sehen was der rote Wärmepunkt ist, auf den du dich jetzt langsam
zubewegst.
Seltsam, der Fleck war nicht nur auf dem Thermobildschirm so rot, sondern auch
mit bloßem Auge. Denn immer noch sticht dir ein unnatürlich leuchtendes
Rot entgegen. Das gewohnte Benehmen tritt bei dir auf: Augen schärfen,
unbemerkbar machen, selber merken.
Aha, ein Mensch und ein Tier. Ein Mädchen mit einer roten Kappe. Und ein
Wolf.
Da will dir wohl jemand beweisen, es gäbe noch Dinge, die du noch nicht
gesehen hast. Aber selbst wenn hier alle Grimms-Märchen gleichzeitig versammelt
wären, könnte dich das nicht sonderlich überraschen. Du willst
nur deine Ruhe. Jetzt nimmt das Rotkäppchen seine Hand und streichelt den
Wolf.
Da will dir wohl jemand beweisen, es gäbe noch Handlungen, die nicht von
Hass und Bosheit zeugen. Aber selbst das funktioniert nicht, du kennst ja den
Ausgang des Märchens. Und die Märchen sind böse.
Und wieder bist du unzufrieden mit deiner Position, mit deiner Geschichte. Der
Unberührbare, Alleswissende. Du weißt, bald wird der Wolf den Hass,
den er von der Welt abbekam, weitertragen, anstatt ihn wie du gegen sich selbst
zu richten. Auch er wird zu diesem fatalem Hass-Kreislauf beitragen. Rotkäppchen
ist von diesem Kreislauf noch nicht infiziert. Einmalig, eine einmalige Möglichkeit,
so wie die deine. Rotkäppchen ist so, weil es die Welt noch nicht kennt,
du weil du sie kennst. Vielleicht der Einzige, der sie erkennt.
Du solltest Rotkäppchen darum beschützen, einmal in eine Geschichte
eingreifen, etwas verändern, wenn du schon in deine eigene Geschichte nicht
eingreifen kannst.
Zisch die Kugel, tot der Wolf.
Zum ersten Mal fühlst du den Gewehrknauf kühl metallen in deiner Hand.
"Rotkäppchen, halt, ich bin doch nur der Jäger, hab keine Angst."
"Guten Tag Herr Jäger."
"Ich habe den Wolf nur getötet, weil er ein böser Wolf war."
"Ach so, dann vielen Dank lieber Herr Jäger."
"Aber sag, wie kommst du hier rein, hier ist es eigentlich verboten."
"Wegen meiner Mutter. Sie wollte mich loshaben und umbringen. Außerdem
Schläge. Mein Vater schlägt sie und mich. Und sie nur mich. Deswegen
wollte ich zu meiner lieben Großmutter flüchten, die hier wohnt.
Der Wolf hat mir ein Loch in den Zaun gebissen."
"Ach so. Dann geh nur zu deiner lieben Großmutter."
Und die Großmutter ist böse, denkst du dir. Hat ihrem Enkel vorgelogen,
sie würde hier wohnen, doch hier wohnt keine Menschenseele. Oder vielleicht
inzwischen?
Zurückgekehrt in das Heim deiner Thermokamera-Beobachtungs-Station siehst
du den zweiten roten Flecken auf dem Bildschirm. Der kleinere Fleck, also Rotkäppchen
bewegt sich jetzt darauf zu. Später wirst du wohl mal nachschauen, wie
es dem kleinen Naivling mit seiner Großmutter ergeht. Sollte dir denn
doch noch was bewiesen werden?
Aber wieder stellst du es fest, durch das Fenster der verfallenen Großmutterhütte
spähend. Die Großmutter faul und fett im Ohrensessel. Das Rotkäppchen
hat zu der Mütze jetzt auch noch ein knallrotes Gesicht, vor lauter Anstrengung.
So viel Hitze würde die Thermokamera wohl sprengen. Anstrengung wegen Holz
hacken, Boden schrubben, Kohle schleppen. Für einen trockenen Knochen zum
Abendbrot.
Und noch immer beharrt Rotkäppchen auf seiner Möglichkeit, die auch
die deine ist. Wird ihm nicht irgendwann geholfen, wird es sich vielleicht irgendwann
ändern, wie die Anderen werden.
Also, zisch die Kugel, tot die Großmutter.
Beruhigender, kühler Tau schlägt sich auf deinem ganzen Körper
nieder.
"Rotkäppchen, halt, ich bin doch nur der Jäger, hab keine Angst."
"Guten Tag, lieber Herr Jäger."
"Ich hab deine Großmutter nur getötet, weil sie eine böse
Großmutter war."
"Ich weiß, vielen Dank, lieber Herr Jäger. Kann ich jetzt mit
ihnen kommen?"
Aha, das Kind sucht sich den einzigen Platz, wo es in Sicherheit, umzäunt,
wäre. Seine Wangen sind vom feuerrot inzwischen rosig geworden. Du wirst
es zu dir aufnehmen. Es wird dein Nachfolger werden. Du willst es darum an der
Hand nehmen und mitnehmen, oh, eine Spur zu hastig, sssst hat dein langer Fingernagel
in der Eile einen kleinen Kratzer in das Hautrosé geschnitten. Roter
Riß. Rot. Kühl. Rot. Eiswürfelwasser durchnetzt meinen ganzen
Körper, diesmal inwendig, nicht nur äußerlich, wie bei den Schüssen.
Rotkäppchen lächelt. Nur ein Versehen.
Während ich einen zweiten Riß in die Naivitätshaut reiße,
diesmal ziehe ich sogar die Haut ein bisschen ab, wallt mein Körper in
tausend und abertausenden von türkis kalt abgestuften Strömungen auf.
Lächeln, schon verunsicherter. Ich fühle die weiche Haut unter meinen
Zähnen nachgeben, sehe nichts, das erste Mal. Leises Knochenknacken unter
meiner Pranke, das zu einer gigantischen Musik anschwillt. Ein Farbenorchester,
mir zu Ehren. Mein letzter Satz: "Rotkäppchen, ich bin doch nur der
Jäger." Dann endlich Ruhe, Ruhe vor Gedankenwirrungen, während
ich den zuckenden Mädchenkörper weiter bearbeite. Ich.
Und die Welt bleibt böse. Gott sei Dank.